Epistel und Evangelium

von H.-G. Hanl | 2. Sonntag nach dem Christfest

Pastor Andreas Turetschek: Predigttext zum Nachlesen

Predigttext aus Lk 2, 41-51 Der zwölfjährige Jesus im Tempel

Pastor Andreas Turetschek, St. Andreas Harvestehude zum 03.01.2021

Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten’s nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.

Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.

Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.

Liebe Gemeinde,

heute machen wir einen Sprung. Gerade noch war Weihnachten und Jesus eben erst geboren. Im heutigen Predigttext ist Jesus schon 12 Jahre alt. Leben in Sieben-Meilen-Stiefeln, so könnte man meinen.

Und wir heute?

Gerade haben wir noch nach kreativen Möglichkeiten gesucht, Weihnachten irgendwie zu gestalten und stattfinden zu lassen. Ganz anders als gewohnt und doch vielleicht ungeahnt verheißungsvoll. Dann kam der Jahreswechsel – verhaltener als sonst.

Und nun geht es weiter. Muss es weitergehen. Soll es weitergehen.

Weihnachten – war da was?

Der Blick ist auf die Zukunft gerichtet.

Wir brauchen niedrigere Fallzahlen – mal sehen, wie es morgen aussieht.
Wir brauchen ausreichend Impfstoff – ab Sommer vielleicht.
Wir brauchen Mut und Ausdauer – wohl noch eine ganze Weile.
Wir brauchen Nachsicht und Solidarität – nicht nur von den anderen.
Und vermutlich brauchen wir auch noch ein paar staatliche Hilfen – aber bitte für die Richtigen.

Vor allem aber brauchen wir wieder einen zuverlässigen Alltag. So wie es jetzt ist, kann es jedenfalls nicht bleiben. Das hält ja keiner aus. Also muss es weiter gehen, möglichst schnell vielleicht. Corona muss ein Ende haben!

Weihnachten – war da was?

Doch der Sprung, den die biblische Geschichte macht, lädt uns ein, noch einmal inne zu halten. Wollen wir wirklich auf Sieben-Meilen-Stiefeln durch die Tage stürzen, nur weil gerade so ungewisse Zeiten angebrochen sind? Wollen wir noch ein Frühjahr in den Skat drücken, während wir auf bessere Zahlen und auf die Wiederbelebung der Alltagsroutine warten?

Das hier und jetzt, ist trotz allem Zeit, die Gott uns schenkt. Geschenkte Zeit, die nicht umsonst ist, weil sie nur auf die Erlösung von diesem blöden C-Wort wartet. Der Epheserbrief rät: „Kauft diese Zeit aus; denn es ist böse Zeit.“ (Eph 5,16b)

Vielleicht liegt darin die besondere Chance. Gerade weil unsere Pläne und unsere vertrauten Zuverlässigkeiten ständig zerschossen und über den Haufen geworfen werden, wird der Blick wirklich einmal frei.

Frei auf die Unruhe, die das Alleinsein mit sich selbst hervorruft. Frei auf die Menschen, die einem auf einmal fehlen. Frei, das Ziel des Lebens zu suchen. Denn die wahren Sieben-Meilen-Stiefel des Lebens sind eher Wohlstand und Routine. Wenn alles rund läuft, dann fliegen die Jahre dahin und sind auf einmal reibungslose und nicht selten erinnerungslose Geschichte. Eben geboren und schon 12 Jahre alt – war da etwas?

Wie brechen wir also die Hast und die Hoffnung auf einen besseren Morgen auf? Wie können wir gut im hier und jetzt bleiben und die Ungewissheit aushalten? Lassen Sie uns noch weiter auf den Predigttext schauen. Unser heutiger Abschnitt aus der Bibel ist im Kern eine Umkehrgeschichte.

Maria und Josef waren unterwegs. Nach Jerusalem, zum religiösen Hochfest Passah. Dann ging es wieder zurück nach Hause. Alles Routine soweit. Doch plötzlich gerät die Welt aus den Fugen: Das Kind ist weg! Umkehr, Suche, drei lange quälende Tage. Ich denke jeder kann nachempfinden, was das für schreckliche Stunden und Tage für Josef und Maria gewesen sein müssen. Der blanke Horror!

Wie verständlich ist da angesichts solcher Umstände die Frage von Maria (V. 48): „Warum hast du uns das angetan?“ So eine Not und Sorge, so eine seelische Qual. „Warum hast du uns das angetan?“ Verständlich und vielleicht auch aktuell.

„Wißt ihr nicht, daß ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“ (V. 49b), antwortet Jesus auf die Frage seiner Eltern nach dem Warum. Sinn und Bestimmung liegt in unserem Schöpfer. Als Pastor ist es nun natürlich verlockend, auch unsere Fragen zur gegenwärtigen Situation, vielleicht auch die Frage nach dem

Warum, mit einem Verweis auf Gott aufzulösen. Frei nach dem Motto: „Unser Alltag ist unterbrochen? Recht so, endlich haben die Leute mal wieder Zeit zum Hände falten und beten. Punkt aus und fertig.“ Doch so sehr ich mir wünsche, ich selbst und wir alle würden die gegenwärtige Zeit mit mehr Gebet verbringen, so wenig würde es der Komplexität des Lebens gerecht werden, dies als Antwort zu verteilen.

Vor allem aber schließt unser Predigtabschnitt heute ganz anders. Er schließt nicht mit Verständnis oder irgendeiner tieferen Einsicht in das Geschehene, sondern mit Glauben. Vor den Verstehern und Erklärern sollten wir uns daher auch heutzutage lieber hüten. Nein, der Bibeltext schließt mit Unverständnis und mit Glauben: „und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.“

Worte von Jesus im Herzen bewahren, lässt auch dann Glauben wachsen, wenn etwas unverständlich und unangenehm bleibt. Es ist der Glaube an diesen menschgewordenen Gott, der Weihnachten auch in unseren ungewiss gewordenen Alltag trägt.

Und so geht unser Blick doch noch einmal zurück nach Weihnachten. Zu dem Gott, der seine himmlische Herrlichkeit ablegt und auf die göttliche Macht und Routine verzichtet, um uns ganz nahe zu kommen.

Weil Gott Mensch wird, haben wir Hoffnung auch in den unmöglichsten Zeiten.

Weil Jesus sich finden lässt, ist der Weg zum Vater im Himmel für immer frei.

Amen.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft und bewahre unsere Herzen und Sinne, in Jesus Christus, unserem Herrn.

Amen.

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