Predigt "Das ist nicht zum Lachen – oder?"

von Pastor Dr. Kord Schoeler | St. Andreas Harvestehude

Epistel und Evangelium

von H.-G. Hanl | 2. Sonntag nach Epiphanias

Predigttext zum Nachlesen

Das ist nicht zum Lachen – oder?

Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias

Liebe Gemeinde,

wie geht es los mit Jesus? Womit fällt er zuerst auf? Mit Drogen – also, mit Wein. Die Geschichte geht so:

Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut!

Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maß.

Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm.

Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.

Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Johannes 2,1-11

Also damit ist er erstmals auffällig geworden: er hat auf der Party für Nachschub gesorgt. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat.

Ist nicht witzig, oder? Dem übermäßigen Alkoholkonsum (wenn sie trunken sind …) Vorschub zu leisten, kann doch nicht die Aufgabe des Retters der Menschheit sein – geschweige denn dass es ihn als solchen auszeichnete. Er befördert den Rausch und verschafft ihm auf wundersame Weise neuen Stoff – viele dürften das kritisch sehen.

Haben sie damals auch. Jesus selbst bezeugt, wie er kritisiert worden ist: Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt, und sie sagen: Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer. (Matthäus 11,19) Das war so sein Ruf bei denen, die ihn nicht verstanden. Auch damals dachten viele, Gottesnähe vertrüge sich eher mit Nüchternheit und Enthaltsamkeit; Lust und Vergnügen, in denen wir die Kontrolle etwas fahren lassen, würden uns vom Religiösen ablenken.

Und ob uns wirklich eine Geschichte beschäftigen soll, in der Jesus Wasser in Wein verwandelt, kann man auch deshalb fragen, weil es doch wohl größere Probleme zu lösen gibt, als dass auf einer Hochzeit der Wein ausgeht. Genug hatten sie doch allemal, da sie schon „trunken“ waren.  Erlösung brauchen wir doch eher aus dem Unfrieden, aus der Bedrohung durch den Tod oder aus unseren Sünden, aus solchen Lagen. Das sind seriöse Probleme. Wir dachten, solche Schwierigkeiten gehörten eher in den Zuständigkeitsbereich des Sohnes Gottes, existentielle Schwierigkeiten. Vielleicht auch die Ausweglosigkeiten und tieftraurigen Erschöpfungen in der Pandemie. Party ist gerade nicht. Das ist alles nicht witzig.

Jedoch: nur weil sich für uns das Leben auf diese Probleme verengt, müssen wir deshalb nicht Gottes Weite verkennen. In der Tat ist es eine der Plagen in katastrophischen Lagen wir der Pandemie, dass wir nur allzu leicht denken, wir dürften die schönen, vergnüglichen, leichten und lustvollen Elemente des Lebens nicht so wichtig nehmen – sie gehen uns ja ohnehin ab – und wir müssten uns ausschließlich mit den schweren und seriösen Problemen beschäftigen. Das ist nicht Gottes Denken und Gottes Umgang mit unserem Leben.

So überrascht Jesus in den Evangelien immer wieder damit, dass er gar nicht so heiligmäßig rüberkommt, wie wir ihn ausstilisiert haben und wie die Leute es auch damals von einem seriösen Heilsbringer erwarteten.

Die Vorstellung vom heiligen Ernst des Glaubens hält sich aber beharrlich. Martin Mosebach äußerte 2015 in einem Gespräch mit Navid Kermani, „das Evangelium“ habe „wahrlich keine humorvolle Atmosphäre. Jesus lacht nicht, zumindest wird es nicht berichtet.“ Ich kann mir schwer vorstellen, dass Jesus ernst geblieben ist, als er die Weinverkostung des ahnungslosen Speisemeisters miterlebt hat, und wie Johannes uns dessen Ahnungslosigkeit vorführt, hat humoristisches Potential. Mosebach meint auch, „dass die Menschwerdung Gottes nicht ganz abgeschlossen wäre, wenn der Gottmensch nicht auch die menschliche Fähigkeit zum befreienden Lachen kennengelernt hätte.“ (Martin Mosebach in einem Gespräch Tobias Haberls mit Martin Mosebach und Navid Kermani, SZ-Magazin 35/2015, https://sz-magazin.sueddeutsche.de/leben-und-gesellschaft/natuerlich-ist-religion-erst-mal-pflicht-81594) So ist es! Und er hat sie gut gekannt. Möglicherweise hat er diese Fähigkeit schon als Gott mitgebracht in dieses Leben. Sein erstes markantes Zeichen, das er setzt, hat etwas mit dem lösenden Rausch zu tun. Er verblüfft die Leute mit einer unerwarteten, nutzlosen Möglichkeit zum Genuss – so ein guter Wein! Auf Verblüffung hin ist das alles inszeniert, denn die Lösung ins befreiende und erkennende Lachen – ach, daher kommt der gute Wein! – folgt ja selbstverständlich.

Das Bacchantische, Rauschhafte haben wir im Christentum ängstlich vom Göttlichen ferngehalten.  Aber Gott will für uns die Fülle des Lebens, zu der ganz sicher auch das Kichern, vielleicht das glucksende oder schallende, jedenfalls das gelöste und befreite gemeinsame Lachen gehört. „Jauchzen“ wäre auch eine (biblische) Möglichkeit, aber das ist womöglich schon zu ausschweifend und unkontrolliert für uns.

Das Lachen leugnet die Probleme nicht. Es gibt aber einen leiblichen Vorgeschmack auf Lösung und Erlösung. Mehr davon brauchen wir unbedingt.

Bleiben Sie behütet!

Ihr Pastor Dr. Kord Schoeler

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