Predigttext zum Nachlesen

Versuch über den Glauben

Predigt zum Sonntag Palmarum

Liebe Gemeinde,

Kann man kurz sagen, was Glauben ist? Der Autor oder die Autorin des Hebräerbriefes versucht es:

Es ist aber der Glaube eine (einladende) Vergegenwärtigung des Erhofften, ein Erweis dessen, was man nicht sieht.

Es folgt eine jeweils ganz knappe Schilderung davon, wie prominente Gestaltenbiblischer Geschichten geglaubt haben, etwa Abel, Noah, Abraham oder Mose,um die bekanntesten unter ihnen zu nennen. Ihren Glauben macht aus, dass sie sich alle verhalten auf eine Realität oder eine Zukunft hin, die sie jetzt nicht sehen. Noah baut zum Beispiel seine Arche, obwohl von einer drohenden Flutkatastrophe noch nichts vorauszusehen ist. Abraham wandert aus und macht sich in hohem Alter auf eine Reise, deren Ziel er nicht kennt. Der Hebräerbrief fährt fort:

Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben,
lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Hebräer 11,1 + 12,1.2

Glauben scheint nichts zu sein für einzelne Menschen. Vielmehr könnte er gewonnen werden in einer atmosphärischen Umgebung, in einer „Wolke von Zeugen“. Sie repräsentieren eine Stimmung und eine Haltung, eine Ausrichtung ihres Lebens, eine innere Bewegung, die uns anregen könnte.

Um die Blickrichtung, die wir einem anderen abgewinnen, geht es auch im letzten Beispiel: „lasst und … aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens! Glauben wird durch einen anderen angefangen und vollendet? Demnach wäre Glauben ein Fluidum und eine Atmosphäre, die andere Menschen und allen voran Jesus verbreiten und in die wir eintreten können.

Das ist eine andere Weise, als wir oft vom Glauben zu denken gewohnt sind. Wir verstehen Glauben als eine Regung und Überzeugung, die wir bei uns selbst und für uns als einzelne „haben“ können.

Den Glauben, von dem der Hebräerbrief schreibt, kann man nicht „haben“; vielmehr vergegenwärtigt uns dieser Glaube etwas, und zwar etwas, was wir nicht sehen, was für uns aber lebenswichtig sein oder was uns vor der Verzweiflung retten könnte, etwas, worauf wir also hoffen.

Worum es hier geht, ist nicht die Hoffnung nach dem Muster, „dass Corona bald vorbei ist“.  Das wünschen wir alle, und der Wunsch ist verständlich und berechtigt. Aber die Hoffnung, die der Glaube vergegenwärtigt, sollte sich auch in dem Fall bewähren, dass eine Pandemie der anderen folgt und wir bald mit noch viel schwerwiegenderen Folgen des Klimawandels zu kämpfen haben. Dagegen, dass es so kommt, sollten wir alles tun, was wir noch tun können. Hoffnung kann uns dazu motivieren. Aber diese Hoffnung sollte sich im Leben wie im Sterben bewähren.

Die Atmosphäre, die Hoffnung, die im Moment des Glaubens in unser Leben dringt und uns erfassen kann, kommt von fernher und doch aus der Nähe einer anderen Person. Auch jede wirkliche persönliche Begegnung, in der uns die unverwechselbare Gestimmtheit eines anderen Menschen erreicht und berührt, ereignet sich ja dann, wenn die Grenze zwischen ihnen und uns durchdrungen wird und verschwimmt. Im Moment des Glaubens wird eine noch ganz andere Grenze durchdrungen und überschritten, nämlich die Grenze zu dem hin, was wir nicht sehen. Und eine erhoffte Wirklichkeit tritt uns nah, wie wir sie der Person Jesu ansehen: dass das Tödliche ausgehalten wird und das Beschämende nicht gemieden, die schmerzlichen Tatsachen nicht verleugnet, weil Gott selbst sich dem allen stellt, es aushält und überwindet.

Das Erlösende in dieser Atmosphäre ist, dass Hoffnung sich nicht mehr erschöpft in jenem am Ende doch nicht überzeugenden „Ach, wird schon!“

Es wird vielleicht nicht! Soviel wir sehen können, kann das alles noch weit danebengehen und schlimm enden. Was wir nicht sehen, kann sich uns aber in seligen Momenten offenbaren. Das können augenblickliche Ahnungen sein, derer wir im nächsten Moment nicht mehr habhaft werden. Vielleicht sind dies die dichtesten Wahrnehmungen von der Wolke überzeugender Personen, die die Grenze zum Unsichtbaren im Glauben überwinden.

Bleiben Sie behütet!​​​​​
Ihr Pastor Dr. Kord Schoeler

Epistel und Evangelium

von H.-G. Hanl | Palmarum 2021

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