Predigt zum Sonntag Trinitatis

von Pastor Dr. Kord Schoeler | St. Andreas Harvestehude 30.05.21

Von Neuem

Predigt zum Tag der Heiligen Dreifaltigkeit (Trinitatis) 2021

Das Evangelium des Johannes ist noch in den ersten Kapiteln, der Autor hat einige sehr konkrete und markante Persönlichkeiten vorgestellt: Den Täufer Johannes, die Suchenden und späteren Jünger Philippus, Andreas, Nathanael und Petrus. Auch die Mutter Maria. Jesus hat einige starke Auftritte gehabt, er hat ein rauschhaftes Fest gerettet, indem er aus Wasser Wein gemacht hat, und das Pilgertreiben im Tempel von Jerusalem hat er gehörig aufgemischt. Die dort Verantwortlichen fragen ihn nach seiner Legitimation, sie dürften beunruhigt sein, weil etliche von Jesus und seinem Auftreten fasziniert sind.

Nun kommt eine besondere Persönlichkeit auf die Szene, die wir so aus den anderen Evangelien nicht kennen: Nikodemus.

Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist. Johannes 3,1-8

 

Liebe Gemeinde,

Nikodemus nimmt Leben und Glauben sehr ernst, er ist Pharisäer, er macht vieles richtig, lebt nach einer festen Ordnung, ist hilfsbereit und sozial. Er findet dafür Anerkennung, die Seinen achten ihn, sein Wort gilt viel – ein Oberster der Juden.

Der kam zu Jesus bei Nacht. Er kommt in guter Absicht, braucht aber den Schutz der Dunkelheit. Die Seinen sollen wohl nicht wissen, dass er in unruhigem Interesse, wach, fragend und wohlwollend zu diesem Jesus geht. Er beginnt mit einer großen Anerkennung: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.Das also raubt ihm den Schlaf und lässt ihn in der Nacht aufstehen und sich zu Jesus schleichen. Er hält etwas von diesem Gottgesandten, der zieht ihn so sehr an, dass er sich in dieses unscheinbare, aber für ihn bedeutende Abenteuer stürzt. Er wird ja in der Heimlichkeit mit Jesus von einer gesetzten Autorität, die sie alle kennen und anerkennen, zu einem Suchenden, der sich selbst nicht richtig kennt, von einer Säule der Gesellschaft zu einem, der sich hinausschleicht. Lag eben noch fest, was er darstellt und was er anderen bedeutet, so kommt er jetzt zu einer Frage nach sich selbst.

Jesus jedenfalls hat genau das verstanden, als er ihm auf den Kopf zusagt: Es geht dir nicht um mich und ob ich ein begabter Rabbi bin. Du bist gekommen, weil Du erfahren willst, was aus dir werden kann. Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

Jesus trifft damit bei Nikodemus einen Nerv: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Geht nicht. Werden kann ich nicht mehr, schon gar nicht neugeboren werden. Es ist diese Resignation, die Nikodemus in der festen Lebensweise verharren lässt, aus der er sich gern – wenn auch nur in einer kurzen nächtlichen Stunde – hinausschleicht.

Jesus lässt aber nicht ab: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.

Er lockt Nikodemus aus dem gesetzmäßigen Leben in dasjenige aus dem Geist. Geistiges Leben ist immer eines, dass sich selbst infrage stellt. Von vielen wird das als tiefe Verunsicherung und deshalb als Bedrohung empfunden. Nikodemus weiß schon, warum er sein Suchen den anderen verbirgt. Er will ihnen nicht die Sicherheit nehmen. Aber es ist eine traurige Sicherheit, fernab vom werdenden Leben, vom Reich Gottes. Und es ist die Kraft des selbstkritischen Geistes, dass er sich an einem möglichen Leben orientiert, möglich und unwahrscheinlich wie eine Neugeburt. Fangen wir von Neuem an, im Geist zu leben, selbstkritisch und offen für unmögliche Möglichkeiten.

Bleiben Sie behütet!

Ihr Pastor Dr. Kord Schoeler

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