Angedacht

Aus den Gemeindebriefen

Angedacht Archiv

Gedanken zum Kirchenjahr, zu Ereignissen, zum Glauben und zu unserer Gemeinde. Mit „Angedacht“ eröffnen Pastorin oder Pastor den vierteljährlich erscheinenden Gemeindebrief von St. Andreas.

Wenn Sie diesen nicht als Gemeindeglied oder in der Kirche bekommen haben – Sie finden ihn hier auch als PDF zum online lesen oder herunterladen: Gemeindebrief-Archiv

Angedacht 03/2018 – 9. November – wofür wir jetzt einzutreten haben

 

09. November – 

Wofür wir jetzt einzutreten haben

Ist nun bei euch Aufmunterung und Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht an das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient. Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht. (Phil 2,1-5)

Der Apostel Paulus schreibt dies vor bald 2000 Jahren an eine Gemeinde in Philippi. Ich gebe diese Worte hier weiter, weil sie mich den Sommer hindurch beschäftigt haben, wenn mich beunruhigt hat, was wir z. B. am 9. November besonders zu bedenken haben:

1918 führten die Ereignisse seit dem 9. November zurBildung der ersten deutschen Republik. 1938 verwüsteten und misshandelten unzählige Deutsche in der Pogromnacht jüdische Kultur und jüdisches Leben, der gesellschaftliche Terror gegen jüdisch Deutsche wurde auf einen ersten Höhepunkt getrieben. Im Jahr 1989 wurde am 9. November die innerdeutsche Grenze geöffnet. Die Institutionen freiheitlicher Demokratie konnten fortan in beiden ehemaligen Teilen Deutschlands eingerichtet werden, in der nun größer gewordenen Bundesrepublik.

Was beunruhigt? Jüdische Menschen und jüdisches Leben erfahren wieder mehr und mehr Ablehnung. Dem freiheitlichen Parlamentarismus, in dem die Meinung des anderen geachtet, die unterschiedlichen Positionen ausgetauscht und abgewogen werden tritt deutlicher als bisher eine Haltung entgegen, die alle anders Denkenden als Gegner betrachtet, die bekämpft werden müssen. Es ist eine Feind-Seligkeit, die sich nicht in Frage stellen lässt, und dem Abwägen und der Abstimmung das Durchgreifen entgegenstellt.

Wir sind von starken Staaten umgeben, in denen mittlerweile Autokraten für diese Regierungsweise Unterstützung finden. Der Geist, der hier weht, gefährdet unsere freiheitliche Demokratie, Minderheiten werden in Autokratien stets benachteiligt oder bekämpft, der Rechthaber kann nichts tolerieren. Aber: Gibt es eine Form der Regierung und der Gesellschaft, für die evangelische Christen eintreten müssten? Ist es eine repräsentative Demokratie, in der Meinungsfreiheit herrscht? Oder eher eine autoritär geführter Staat? Über lange Jahrhunderte haben sich auch die evangelischen Kirchen mit Monarchie und Despotismus nicht nur arrangiert, sondern haben sie durchaus unterstützt und sich (vermeintlich) unterstützen lassen.

Mittlerweile sind die evangelischen Kirchen selbst nach Art repräsentativer Demokratien und längst nicht mehr hierarchisch verfasst. Das ist sachgemäß und entspricht dem Evangelium. Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht. Wenn Jesus eines nicht war, dann ein Machthaber. Seine Haltung war die des gut Zuredens, der Aufmunterung und Ermahnung, des Trostes, der herzlichen Liebe und Barmherzigkeit. Das heißt: er ließ sich das, was den anderen bewegt, in seinem Innern angehen, er machte es sich zu eigen, machte dessen Bedürftigkeit und Interesse zu seiner eigenen Sache. Und das tat er als Gott mit dem Menschen. Die Bibel nennt das „Demut“, ein Wort, das für uns nach Selbst-Erniedrigung klingt, aber in seinem Kern „Diene-Mut“ bedeutet, einen Haltung des Selbstbewusstseins, das die Größe hat, für den anderen da zu sein.

In Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient. Eine solche Haltung ist heute gesellschaftlich schon am besten in einer freiheitlichen Demokratie verwirklicht. Wer Meinungsfreiheit lässt, weiß nämlich um die eigene Begrenztheit, er weiß, dass er die Sicht der anderen braucht, dass diese berechtigt ist, und die Positionen untereinander abgestimmt werden müssen. Sie fragt nach den Beweggründen der anderen, sie hört hin und achtet. Dieser gegenseitige Dienst in der freiheitlichen Demokratie ist das Gegenteil zur Macht der Rechthaber. In dieser Haltung wissen wir um das Recht der anderen und der Bedürftigen, und wir schützen sie.

Was wir in dieser Weise der Gesellschaft zu geben haben, wofür wir einzutreten haben, ist nichts Kämpferisches, eher etwas Nachdenkliches und eine vorsichtige Haltung, aber eben auch ein Bezugspunkt des Glaubens in der tiefen Beunruhigung: Lassen Sie diesen Text des Paulus einmal oder auch mehrmals in sich klingen. Er kann eine Meditation sein, in der uns Gott an sich nimmt und in der Demut stark macht.

Herzlichst,
Ihr Pastor Dr. Kord Schoeler

Angedacht 02/2018 – #MeToo: Batseba

 

#MeToo: Batseba

Machtmissbrauch in der Bibel (siehe Titelbild)

Der Täter steht auf der Dachterrasse links oben im Bild. Die Nachbarin am Pool ist schön; ihr Mann, ein Offizier, ist im Auslandseinsatz. Der Gaffer lässt sie holen. Er ist der König, sie wird sich nicht erwehren können. Er nimmt sie, er schläft mit ihr, es ist widerwärtig.

Er ist nicht irgendwer. Er ist David, der königliche, von Gott begabte Mann, der Gesalbte, der Held und Herrscher des Volkes Gottes schlechthin. Nach ihm wird über Jahrhunderte das Königshaus heißen, selbst Jesus von Nazareth wird, so sagt es der Engel seiner Mutter Maria, „den Thron seines Vaters David“ besteigen (Lukas 1,32). Der missbraucht seine Macht, in der er eine Frau einfach holen lassen kann, und tut ihr Gewalt an, bringt sie überdies in größte Schwierigkeiten, denn sie, die verheiratete Frau, wird schwanger von ihm (2. Samuel 11,1ff). David „löst“ das Problem am Ende auf skrupellose Weise: Er sorgt dafür, dass Uria, der Ehemann, im Kampf erschlagen wird. Aber das ist ein anderer schlimmer Teil der Geschichte.

Batseba lässt er als weitere Ehefrau in seinen Harem holen. Das Kind, das sie zur Welt bringt, stirbt, und schließlich wird sie die Mutter des Thronfolgers und späteren Königs Salomo. Soviel Missbrauch trägt die Geschichte der Könige des Volkes Gottes in sich (und da wäre noch mehr).

Warum erzählt die Bibel davon? Warum ist so eine abstoßende Geschichte Teil unserer Heiligen Schrift? Der Prophet Nathan kommt bald zu David und verurteilt sein Handeln auf das Unmissverständlichste (2. Sam. 12). Die Geschichte ist eine warnendes Beispiel: So soll es nach Gottes Willen und auch nach Eurem Gerechtigkeitsgefühl auf keinen Fall sein!

Aber es geht noch um mehr. Die Tat ist nämlich kein Fehltritt, den man sich bei dem klugen, frommen David gar nicht erklären könnte. Dieser Mann steht durchaus auch für ein pöbelndes, sexualisiertes Männerbild. Von Goliath, den der kleine David überwindet, wird eigens erwähnt, dass „der Schaft seines Spießes wie ein Weberbaum“ war (1. Sam. 17,7), und als David um Sauls Tochter wirbt, bescheidet der ihm: „Der König begehrt keinen anderen Brautpreis als hundert Vorhäute von Philistern.“ (1. Sam. 18,25) Es ist widerwärtig, in höchstem Maß irritierend, und wir müssen davon reden. Die #MeToo-Bewegung fordert es heraus, und zwar mit Recht, wie wir hier sehen, mit einem heiligen Recht. Die Heilige Schrift konfrontiert uns mit dem Wissen, dass dies in den Möglichkeiten von Männern liegt: eine Machtstellung sexuell auszunutzen.

Kunstwerke wie das Titelbild zeigen oft: Batseba ist schön, erotisch anziehend, sie wird vom Boten galant umworben, es wirkt wie ein schöner Moment zwischen den beiden. Auch der Hund, das triebhafte Wesen, wirkt fein und elegant. Das alles ist die andere Seite, die David zu respektieren hätte. Diese feine erotische Atmosphäre klingt auch im Bibeltext an: „Es begab sich, dass David um den Abend aufstand und sich auf dem Dach des Königshauses erging; da sah er vom Dach aus eine Frau sich waschen; und die Frau war von sehr schöner Gestalt.“ (2. Sam. 11,2) Man kann die Kraft spüren, die von dem Augenblick ausgeht, man kann Davids Begehren verstehen. Aber was macht David? Er respektiert diese Kraft nicht, er bemächtigt sich der Situation, er wird zum Täter, im Bild: zum finsteren Befehlsgeber auf seinem Balkon. In der Darstellung eines Wormser Kirchenfensters kann er sogar beides zugleich: Batseba küssen und ihren toten Mann mit Füßen treten.

Man könnte einwenden, dieses Titelbild selbst sei ein Missbrauch, in die Darstellung eines sexuellen Übergriffs gehöre kein Moment schöner Erotik. Ich glaube aber, dass das Beispiel Davids die Männer lehrt, dass Begehren und Leidenschaft zu respektieren und zu dulden sind, im besten Fall auch zu genießen, dass sie zu nehmen sind als Kraft, die uns ergreift, dass sie im Spiel sein können, ohne dass er sich ihrer bemächtigen muss, was sonst nämlich dazu führt, dass er sich der anderen oder des anderen gewalttätig bemächtigt. Vorerst gebieten uns solche Geschichten, auf #MeToo zu hören, ernst zu nehmen, was erzählt wird, uns selbst in unserer Macht zu befragen und alles dafür zu tun, dass nicht alles, was leider in unseren männlichen Möglichkeiten liegt, sich Bahn bricht. David bereut seine Taten am Ende zutiefst. Er beweint sein sterbendes Kind, er wendet sich Batseba zu, und es heißt dann: „Als David seine Frau Batseba getröstet hatte, ging er zu ihr hinein und wohnte ihr bei. Und sie gebar einen Sohn, den nannte er Salomo.“ Auch dies ist David, dieser von Gott begabte Mensch.

Ihr Pastor Dr. Kord Schoeler

Angedacht 01/2018 – Trinität: Das Geheimnis vom dreifaltigen und dreieinigen Gott.

 

Trinität: Das Geheimnis vom dreifaltigen und dreieinigen Gott.

„Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen… und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn. … Ich glaube an den Heiligen Geist… .“ So heißt es im apostolischen Glaubensbekenntnis, das Christen überall auf der Welt jeden Sonntag sprechen. Juden beten im Schma Jisrael, dem zentralen Gebet: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig.“ (Dtn 6,4), und im Glaubensbekenntnis der Muslime heißt es: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Gott gibt.“

In unserem Glaubensbekenntnis aber kommen drei vor: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist! Kein Wunder, dass Muslime und Juden wenig anzufangen wissen mit dem christlichen Gedanken der Trinität Gottes.

Die Lehre von der Dreieinigkeit oder auch Dreifaltigkeit Gottes findet sich so nicht in der Bibel. Sie entstand in der frühen Kirche als ein Rückschluss vom Wirken Gottes auf sein Wesen. Auf dem Titelbild unseres Gemeindebriefes sehen Sie ein Gemälde aus dem Chorgewölbe einer mittelalterlichen Dorfkirche in Mecklenburg. Die ursprünglich im 14. Jahrhundert entstandenen Malereien wurden 1894 erneuert. Dabei wurde eine mittelalterliche Darstellungsweise für die Trinität übernommen: Gott, der Schöpfer, mit weit ausgebreiteten Armen umschließt und trägt seinen gekreuzigten Sohn Jesus Christus. Er präsentiert ihn sozusagen der Gemeinde, die sich zum Altar hinwendet, und scheint zu demonstrieren: Mein geliebter Sohn – für Euch. Aber beim Betrachten dieses Bildes kommt nicht zuerst die Frage auf, was das für ein Gott ist, der seinen eigenen Sohn einen grausamen Opfertod sterben lässt. Denn es wird sichtbar: Gott selbst ist es, der das erleidet.

Seine Arme halten das Gewicht des Kreuzes. Sein Gesicht gleicht trotz der geöffneten Augen dem seines toten Sohnes und zeigt in sich versunkene Trauer. Alle drei, auch die in der Gestalt einer Taube herabkommende Geistkraft, tragen einen eigenen Heiligenschein: Dreifaltigkeit, drei Seinsweisen Gottes. Aberalle drei zusammen sind eingefasst in einen mandelförmigen Rahmen: eine Mandorla, eine Aura des Heiligen umgibt sie. Eines Wesens sind sie. Gott demonstriert auf dem Bild: Ich selbst für Euch und mit Euch in allem, sogar in Leid und Tod. Wenn Gott so dargestellt wird, dann geschieht das nicht, um zu sagen, dass Gott genau so aussieht.

Das können wir nicht wissen und es steht, wie gesagt, auch nicht in der Bibel. Die Lehre von der Trinität ist nicht das Wort Gottes, aber – so drückt es der Theologe Karl Barth aus (vgl. Kirchliche Dogmatik I/1, Zürich 1947, 404) – sie dient dem Dienst am Wort Gottes, weil sie auf die Frage nach Gott als dem Subjekt seines Wirkens, seiner Offenbarung, antwortet: Gott ist „Einer und doch nicht allein (…) Alle Fülle der Tat und Gemeinschaft ist in ihm selber“ (K. Barth, Dogmatik im Grundriss, Basel 1947, 81998, 50). Das erkennen wir daran, dass wir durch die Geistkraft Gottes in diese Gemeinschaft einbezogen werden.

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!“
(2. Kor 13,13)

So grüßte damals der Apostel Paulus die Gemeinde in Korinth, und so grüßen heute noch Pastoren ihre Gemeinde von der Kanzel. Dreifaltig wird durch diesen Gruß das Wirken des einen Gottes beschrieben. So schwer dies Geheimnis zu verstehen oder gar zu erklären ist, so unverzichtbar ist es für unseren Glauben.

Ihre Pastorin Ute Parra

Angedacht 04/2017 – Heilige Mutter Gottes!

 

Heilige Mutter Gottes!

Die Jungfrau Maria – ist die nicht eher für Katholiken … oder für Gläubige, denen Rationalität und Naturwissenschaft gleichgültig sind?

Das Jahr des Reformationsjubiläums geht zu Ende. Wir haben daran gedacht, was uns als Evangelische Kirche ausmacht. Es war aber auch ein Jahr der Ökumene. Römisch-Katholische und Evangelisch-Lutherische Kirche haben betont, was sie gemeinsam haben.

Im Advent legt sich nah: Maria. Wir bereiten uns im Advent auf das Weihnachtsfest vor, da geht es um die Menschwerdung Gottes in der Geburt Jesu; und wer verkörpert dieses Warten auf das Kommen Gottes mehr als seine Mutter, Maria?

Überraschend für uns Lutheraner mag sein: Martin Luther selbst beschäftigt sich ausführlich mit Maria und schreibt über sie eines seiner damals bekanntesten Bücher, und zwar in einem Jahr, in dem es für ihn hoch her geht. Im Jahre 1521, vier Jahre nachdem seine 95 Thesen sein neues Glaubensdenken rasant in die internationale Öffentlichkeit gebracht haben, nachdem er literarisch nachgelegt und auch dem Papst in Rom die Stirn geboten hat, muss er in Worms auf dem Reichstag vor Kaiser Karl V. erscheinen. Hier wird er beharren, dass er nicht widerrufen könne, weil sein Gewissen von der Heiligen Schrift überzeugt sei; „Ich kann nicht anders / hier stehe ich / Gott helfe mir / Amen“, wird man seine Schlussworte wiedergeben. In diesem Jahr schreibt er, erst noch in Wittenberg, später als „Schutz-Gefangener“ auf der Wartburg, über Maria, als habe er jede Zeit und Muße, das Geheimnis ihres Daseins zu meditieren.

Wie er dies tut, mag für evangelische Ohren zunächst „katholisch“ klingen. Von der „hochgelobten Jungfrau Maria“ (alle Zitate aus: Calwer Luther-Ausgabe, hg. von Wolfgang Metzger, Stuttgart 1979, Bd. 9, 23) spricht er und von „Gottes Mutter“ (ebd.). Er meditiert aber ihre Worte, ihren Lobgesang, der Lukas 1,46 – 56 überliefert ist, und dies nun in einer sehr lutherischen Weise. Die Frömmigkeit und Lehre, die späten Legenden über Maria hatten nämlich darauf abgehoben, Gott habe sie wegen ihrer besonderen Heiligkeit ausgewählt, sie sei im Tempel aufgewachsen und erzogen worden, unberührt und im Gebet.

Luther entnimmt ihrem Lobgesang etwas anderes: „Denn er hat angesehen die Nichtigkeit, die Niedrigkeit seiner Magd.“ (Lukas 1.48). Er betont, sie sei auch nicht besonders „demütig“, sie schätze sich bloß als nichts Besonderes ein, „als verachtetes, geringes Mägdlein ohne Ansehen“ (47). Eine Besondere wird Maria durch Gottes Blick: „Als das erste Werk Gottes an ihr bekennt Maria, es sei das ‚Ansehen‘. Das ist aus das größte … Denn wo es dahin kommt, daß Gott sein Angesicht jemand zuwendet, da ist lauter Gnade und Seligkeit, da müssen alle Gaben und Werke nachfolgen.“ (52) Was folgt: „Niemand ist ihr gleich, weil sie mit dem himmlischen Vater eine Kind hat, und zwar ein solches Kind … In einem Wort hat man darum alle ihre Ehre zusammengefasst, wenn man sie nämlich ‚Gottes Mutter‘ nennt“ (59).

Das bedeutet: Im Ansehen unserer Niedrigkeit kommt Gott zur Welt, zu uns. Nichts ist evangelischer und nichts katholischer als dieser Blickwinkel auf unser Leben, in dem sonst nur der Blick auf das Hohe, Gelungene, Reiche, Erfolgreiche etwas gilt, uns bestätigt oder herausfordert. Wir wissen wie gnadenlos dieser Blick sein kann. Maria wird an anderer Stelle genannt: „gratia plena“, voller Gnaden, begnadet.

Eine gnadenvolle Weihnacht wünscht Ihnen

Pastor Dr. Kord Schoeler

 

Angedacht 03/2017 – Selber glauben

 

Selber glauben

 Unsere Feier zum 500. Reformationsjubiläum

Selber zu glauben, das war zu Luthers Zeiten keine Selbstverständlichkeit. Zwischen Gläubigen und Gott stand die Kirche und sah sich befugt, über die Zuteilung der Gnade Gottes zu entscheiden. Martin Luther hatte aber beim Lesen der Bibel entdeckt: Der Glaube an das Evangelium macht die Menschen gerecht (Röm 1,16f). Da braucht es keinen Papst, keine Ablassbriefe. Diese Gewissheit veränderte sein Leben. Aber nicht nur seins:

Die ganze Welt hat Luthers Erkenntnis verändert. Als er am 31. Oktober 1517 die 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg schlug, war er sich bewusst, dass ihm das eine Menge Ärger einbringen würde. Er tat es trotzdem. Was motivierte ihn? Selber glauben macht frei: Frei von gesellschaftlichen und religiösen Zwängen, frei von der Herrschaft des Gesetzes. Aber selber glauben macht auch verantwortlich, denn kein Papst und kein Konzil schrieben ihm jetzt mehr vor, was er tun sollte. Nur der Bibel und seinem durch die Worte Gottes gefangenen Gewissen fühlte er sich verpflichtet, als er sich auf dem Reichstag in Worms weigerte, seine Lehren zu widerrufen.

Wir evangelischen Christen stehen auch heute noch in der Verantwortung, Lebensentscheidungen auf der Grundlage der Bibel und unseres Gewissens zu treffen. Manchmal ist das schwer. Oft sind wir uns gerade im öffentlichen Bereich nicht einig. Das wurde im Juli diesen Jahres deutlich, als evangelische Christen sich sehr verschieden zum G20-Gipfel in Hamburg positionierten.

Bibelworte, die man in diesem Zusammenhang zitieren kann, gib es viele: „Tu deinen Mund auf für die Stummen!“ (Spr 31,8), „Jedermann sei untertan der Obrigkeit!“ (Röm 13,1). Dass in vielen gesellschaftlichen und politischen Fragen keine Einigkeit herrscht, ist wohl der Preis des „Selber Glaubens“.

Sich gegenseitig Untätigkeit und mangelnde Zivilcourage oder aber ein Fördern des Vandalismus und der Anarchie vorzuwerfen, lenkt den Blick weg von dem, was „Selber Glauben“ eigentlich bedeuten kann: Eine ganz neue, ganz andere Art zu leben, nämlich trotz aller Ungewissheit und Uneinigkeit schon jetzt in Hoffnung auf Gottes kommende Welt und schon jetzt im Vertrauen auf Gottes Liebe, die allen Menschen gilt. Am Sonntag nach G20, als die ganze Stadt den Atem anzuhalten schien, haben wir in der Gemeinde unser Sommerfest gefeiert.

„Geh aus, mein Herz und suche Freud“, das im 30-jährigen Krieg entstandene Lied über die Natur als Sinnbild für die Zuwendung Gottes zu den Menschen, stand im Zentrum: Gott sorgt für uns, darum müssen wir uns keine Sorgen machen. Das bedeutet nicht, dass wir uns weltfremd der Verantwortung entziehen sollen. Die Aufgabe, Position zu beziehen und die Bibel und unser Gewissen immer neu zu befragen, kann uns keiner abnehmen. Aber es bedeutet, dass wir die Hoffnung und das Vertrauen haben dürfen, dass die Welt zu einem guten Ziel kommt.

Der Spruch: „Wenn morgen die Welt unterginge, so würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen,“ stammt wahrscheinlich gar nicht von Martin Luther, aber wenn wir im Herbst zwei Apfelbäumchen pflanzen, müssen wir uns dafür auch nicht auf ihn berufen. Schließlich können wir selber glauben!

Während des Sommerfestes haben die Bäume in unserer Kirche gestanden und wurden mit Fürbitten der Besucher geschmückt, als Zeichen der Hoffnung und des Glaubens.

Was glauben Sie? Was befreit Sie und macht Ihnen Mut zum Handeln? Feiern Sie mit uns 500 Jahre Reformation als Austausch darüber, was „Selber glauben“ bedeutet.

Ihre Pastorin Ute Parra

Angedacht 02/2017 – Zwischen Hass und Liebe – Reformation

Zwischen Hass und Liebe – Reformation

Am Anfang der Reformation standen große Gefühle. Sicher auch: biblische Einsichten, Gebet und Machtkämpfe. Aber bei Martin Luther begann es mit Liebe und Hass.

1545 erzählt er davon, wie ihm erstmals einleuchtete, was für ihn alles entscheidend war und blieb: dass Gott Menschen aus Gnade im Glauben gerecht macht.

„Gerechtigkeit Gottes“ war der Begriff, an dem er sich damals abarbeitete. Er las davon im Römerbrief, Gerechtigkeit Gottes offenbare sich im Evangelium (Römer 1,17). So fremd das auf uns wirken mag, Luther ließ es nicht kalt. Im Gegenteil: „Ich hasste nämlich dieses Wort!“ Und er hasste auch gleich den „gerechten und den Sünder strafenden Gott.“ Luther findet schon angesichts der Gebote, er könne diesen nie „gerecht“ werden und müsse mit Strafe rechnen, und er meint zu seiner Verzweiflung, Gott wolle „ durch das Evangelium auf den alten Schmerz neuen Schmerz häufen und auch durch das Evangelium uns seine Gerechtigkeit und seinen Zorn drohend entgegenhalten!“ Wenn er Hass schreibt, meint es Luther ernst: „So raste ich mit wütendem und verstörtem Gewissen.“

Irgendwann liest er weiter: „Die Gerechtigkeit Gottes wird darin offenbart, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus dem Glauben“ (Römer 1,16) – da begann ich die Gerechtigkeit Gottes verstehen zu lernen als die Gerechtigkeit, in der der Gerechte aus Gottes Geschenk lebt, und zwar aus Glauben.“ Er versteht die Gerechtigkeit, „durch welche uns der barmherzige Gott gerecht macht“.

Den Gefühlsmenschen Luther reißt diese Erkenntnis hin: „So groß vorher mein Hass war, womit ich das Wort „Gerechtigkeit Gottes“ gehasst hatte, so groß war jetzt die Liebe.“

Man versteht das, wenn man liest, worum es für ihn geht: „Hier fühlte ich mich völlig neugeboren.“ (Luther an allen Stellen zitiert nach Heinrich Fausel: D. Martin Luther. Leben und Werk 1483 bis 1521. Band 1, Stuttgart 2008, 56f). Wer sich neugeboren fühlt, war im Gefühl dem Tod zumindest nah. Ihm geht es nicht um oberflächliche Selbsterkenntnis, ihm geht es um Entscheidendes: Ich bin etwas oder bin nichts, ich fühle mich lebendig oder abgestorben. Was belebt oder abtötet, das lässt einen lieben oder hassen.

Für Luther entschied sich das „vor Gott“. Uns reicht oft schon das Forum der anderen Menschen. Was sind wir da, was geben wir für ein Bild ab, wie „kommen wir rüber“, wie ist unser Image? Like oder dislike? Ruf und öffentliche Meinung können nicht erst heute, in Zeiten digitaler Netzwerke, beleben oder zum bürgerlichen „Tod“ führen. Wir hängen innerlich an dem Bild, das wir abgeben vor den anderen, es macht aus, was wir sind, und dringt tief in unsere Seele ein. Es kann ihr gut tun oder sie zerreiben. Ob das gerecht ist? Das fragen wir nicht.

Barmherzig jedenfalls ist das Forum der anderen Menschen selten.

Insofern ist es schon verlockend, sich vor Gott zu denken und zu fühlen, in der Beziehung zu ihm. Es ist die gründlich gnädige, beschenkende Beziehung schlechthin, in der wir uns beseelt und neugeboren fühlen, ohne irgendetwas aus uns gemacht zu haben. Gerecht!

Zum Lieben!

Ihr Pastor Dr. Kord Schoeler

Angedacht 01/2017 – Für Täter um Vergebung bitten?

Für Täter um Vergebung bitten?

Die Passionszeit beginnt in diesem Jahr genau mit dem 1.März. Ab Aschermittwoch denken Christen weltweit in den sieben Wochen vor Ostern an das unschuldige Leiden Jesu Christi und gleichzeitig auch an all die anderen Menschen, die bis heute unter willkürlicher Gewalt und Hass leiden müssen.

In diesem Jahr sind dabei besonders auch die Opfer des Terrors im Blick. Menschen, die auf der Flucht vor dem Islamischen Staat nach Deutschland gekommen sind, aber auch die, die von Terroranschlägen wie dem auf dem Berliner Weihnachtsmarkt betroffen sind.

Das 1577 für den Altar der Kathedrale von Toledo gemalte Bild des Künstlers „El Greco“ auf der Vorderseite des Gemeindebriefeszeigt, wie Jesus – umringt von schwer bewaffneten Soldaten aber auch von Schaulustigen – kurz vor seiner Kreuzigung entkleidet wird.

Wie aus einer anderen Welt wirkt Jesus in seinem königlich-karmesinroten Gewand. Den Blick zum Himmel gerichtet und die Hand auf dem Herzen scheint er gerade im Gebet versunken zu sein. Was er wohl mit seinem Vater bespricht?

Im Lukasevangelium sagt Jesus bei seiner Kreuzigung zu seinem Vater: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34). Allerdings fehlt dieser Satz in verschiedenen wichtigen, alten Handschriften. Warum? Wurde ihm das nachträglich zugeschrieben? Oder erregten diese Worte Anstoß?

In der Tat sehen Jesu Peiniger auf dem Bild nicht so aus, als würden sie nicht wissen, was sie tun. Vielmehr scheinen sie es ganz bewusst und sogar mit Genuss zu tun. Anzügliche Blicke und wie Klauen ausgesteckte Hände bedrängen Jesus von allen Seiten.

„Segnet, die euch verfluchen; bitte für die, die euch beleidigen“(Lk 6,28). Dazu hatte Jesus seine Anhänger aufgerufen. Und jetzt bittet er selbst für die, die ihm Gewalt antun- und stirbt dann durch ihre Hand. Kann es Gottes Wille sein, dass Menschen, die anderen mutwillig Leid zufügen und sie sogar töten, vergeben wird? Vielfach werden Christen dafür kritisiert, wenn sie sich in ihrem Gebet nicht ausschließlich für die Opfer einsetzen, sondern auch für die Täter beten. Dies wird dann so verstanden, als würde die Schuld der Täter verharmlost und das Leid der Opfer relativiert.

Das tut Jesus aber keineswegs. Er vergibt den Tätern mit diesen Worten nicht, sondern betet für sie. In diesem Gebet schwingt die Hoffnung mit, dass auch sie erkennen, wie falsch und menschenverachtend ihre Taten waren und dass der Kreislauf des Hasses durchbrochen wird. – Eine Hoffnung wie aus einer anderen Welt? – Vielleicht.

Als Jesus schließlich gestorben ist, sagt der Hauptmann der Soldaten: „Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen!“(Lk 23,47) und das Volk schlägt sich bekräftigend an die Brust und kehrt um. Ostern feiern wir Christen den Sieg des Lebens über den Tod und der Liebe über den Hass. Wenn Menschen die Hoffnung Jesu teilen, wird sie zu einer Osterhoffnung für diese Welt.

Ihre Pastorin Ute Parra

Angedacht 04/2016 – Eine Bildbetrachtung zu Weihachten

Eine Bildbetrachtung zu Weihachten

Aus dem Gemeindebrief 04/2016

Sie liegt da sehr entspannt: ein Bein über das andere geschlagen, leicht auf den Ellenbogen gestützt, die rechte Hand untätig gelassen. Sie schaut und lässtsich anschauen. Sie hat Ausstrahlung, einen heiligen Schein. Ebenso ruhig schläft das Kind, den Kopf fast in ihrer Armbeuge. Der Atem der Tiere, Ochse und Esel, wird das Kind, auf das sie aufmerksam schauen, wärmen.

Es ist eine heilende Szene, wie wir sie Weihnachten suchen, ein Inbild, das, wenn wir es betrachten, etwas gut sein lässt, und zwar obwohl wir uns streiten, der Beruf uns monströse Sorgen macht oder wir wieder so einsam, leer und fühllos sind.

Es ist ja auch gar nicht alles gut. So gelassen liegt Maria im Bruch des Lebens. Es tut sich um sie herum die Erde als Höhle auf, brüchige Ränder, Felsplatten, die aussehen, als könnten sie jederzeit herabfallen. Der Mann Joseph strahlt zwar auch etwas aus, aber trotz des Heiligenscheins ist es eher Müdigkeit. Er stützt seinen Kopf in die Hand, wirkt erschöpft und als fände er trotz der Erschöpfung vor Sorgen keinen Schlaf. Die Sorgen erklärt sein Blick auf die lächerlich kleine Herberge, in der sie keinen Platz hatten, er musste Frau und Kind in einen Viehunterstand bringen, und das Kind haben sie in einen Futtertrog gelegt. Notdürftig.

Ihn plagen die Sorgen, sie entspannt sich in gelassener Schönheit. Wie kommt das?

Nun, sie ahnt etwas, eine Ahnung trifft sie wie die Strahlen, die vom Stern am Nachthimmel ebenso ausgehen wie von der bewegten Zuwendung der Engel. Die Strahlen sind wirklich eine Ahnung, denn sie dringen noch nicht durch den Erdenfels zu ihr, aber die Ahnung reicht ihr wohl schon zur Gelassenheit. Was sie ahnt: Dass dieses Kind Gott-Bei-Uns ist, dass er nicht aufhören wird da zu sein, im Glück nicht und in der Mutterliebe und im Sterben auch nicht. Seinen Heiligenschein durchzieht ein Kreuz und die Höhle ist auch eine Vorahnung des Grabes. Joseph ahnt noch nichts.

Warum sitzt und liegt dieses Paar gerade so nebeneinander? Siestehen für beides, was wir an Weihnachten kennen: die schlaflose Verzweiflung am Bruch des Lebens und die Ahnung, dass es gut werde, wenn uns Gottes Lebenskraft so nahe kommt wie ein Kind, das Kind in diesem Bild und in dieser Geschichte. Vielleicht können wir uns vorstellen, dass Marias Fußspitze ihren Joseph leicht antippt und er aufsieht, so wie auf der anderen Seite des Berges der Hirte aufsieht, den der Engel auch aus einer dürftigen Lebenslage herausruft: „Ich verkündige Euch große Freude! – Kurz gesagt: Da ist ein Kind, ein Neugeborenes, und da ist Gott bei Euch.“

Wir versuchen oft, aus Weihnachten, diesem Fest, mehr zu machen als eine Ahnung. Das ist dann auch schön. Gelegentlich wird es aber auch genauso betrüblich, wie Joseph da sitzt.

Schauen wir die Frau an, die sich anschauen lässt in ihrer Gelassenheit, die Gottesmutter, und erkennen wir einen weihnachtlichen Augenblick lang, wie eine Ahnung, ein Glauben, ein Anvertrauen alles sein kann.

Eine gute Adventszeit und ein gesegnetes Weihnachtfest!

Ihr Pastor Dr. Kord Schoeler

Angedacht 03/2016 – HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist

HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist

und deine Wahrheit soweit die Wolken gehen.

Aus dem Gemeindebrief 03/2016

Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes und dein Recht wie die große Tiefe.

HERR, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“
(Psalm 36,6-10)

Mit den Worten aus Psalm 36 begann für mich der Sommer und meine Zeit bei und mit Ihnen in der Gemeinde St. Andreas. Mein Name ist Ute Parra. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder im Alter von 18 und 14 Jahren. Schon seit 16 Jahren wohne ich ganz in der Nähe, in Lokstedt. Als Pastorin habe ich in den letzten zweieinhalb Jahren am Osdorfer Born gearbeitet.

Doch zurück zu meinem Sommerbeginn: Es war am 17. Juni, als meine Vorgängerin Frauke Niejahr und ich mit den Konfirmanden/innen eine Zelttour begannen. Vor der Abfahrt feierten wir in der Kirche noch eine kurze Andacht. In der Nähe von Plön zelteten wir dann am See, badeten, rösteten Popcorn am Lagerfeuer und genossen den Sommerabend. Wir sprachen über das Thema „Taufe“. So direkt am Wasser versteht man viel besser, was es mit dem Wasser der Taufe auf sich hat: „… bei dir ist die Quelle des Lebens“, so heißt es im Psalm. Das Taufwasser kann für uns eine Quelle lebendigen Wassers sein, weil es uns gibt, was wir zum Leben brauchen. Die Erinnerung daran, dass wir getauft sind und zu Gott gehören, kann uns helfen auf den Durststrecken und in den Wüstenzeiten unseres Lebens. Darüber haben wir mit den Jugendlichen nachgedacht.

Dieses Erlebnis und der Psalm 36 haben mich den Sommer über begleitet, auch auf meinen Urlaubsreisen ans Wasser der Mecklenburgischen Seenplatte und der Nordsee. Wenn Sie diese Zeilen lesen, dann ist der Sommer schon fast zu Ende, und ich habe zum 1. September ganz offiziell als Pastorin auf der 2. Pfarrstelle im Umfang von 50% in Ihrer – in unserer – Gemeinde angefangen.

Der Sommer war für mich auch wichtig zum Umschalten zwischen den beiden grundverschiedenen Gemeinden: eine Möglichkeit, neue Kraft zu schöpfen an der Quelle des Lebens, und zusehen, wie weit eigentlich der Himmel ist und die Wolken gehen. Eine andere Quelle, aus der ich Kraft schöpfe, ist die Gemeinschaft. Ich freue mich sehr darauf, Sie kennen zu lernen und Teil Ihrer Gemeinde zu sein.

Wenn Sie Lust haben, schreibenSie mir, was Sie in diesem Sommer erlebt haben und an welchen Quellen Sie auftanken konnten. Oder Sie lassen mir per Mail oder über das Gemeindebüro ein Foto von Ihrer Urlaubsreise oder vom Sommer zu Hause zukommen. Im Gottesdienst am 9. Oktober möchte ich die Ergebnisse gern vorstellen und gemeinsam Gott danken für die reiche Ernte dieses Sommers.

Ihre Pastorin Ute Parra

Angedacht 02/2016 – Gehören wir dazu?

Gehören wir dazu?

Aus dem Gemeindebrief 02/2016
Der Islam gehöre nicht zu Deutschland, beschloss die Partei AfD. Sie stemmte sich damit gegen einen Satz, den Christian Wulf bekannt gemacht hat, und der viel Gutes bewirkt hat.

Wir hingegen, das Christentum, gehörten zu den Quellen und Bestandteilen der deutschen Kulturnation. Die Kirche gehöre ins Dorf, das Christentum zu Deutschland.

Danke, aber: Wir gehören nicht zu Deutschland, wir gehören zur weltweiten Christenheit, und unseren Glauben macht es gerade aus, dass er Völker und Nationen übergreift: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“, schreibt der Apostel Paulus im Galterbrief 3,28.

Das bedeutet: Der christliche Glaube prägt zwar immer und überall, wo er gelebt wird, auch die Sprache, die Bilder, die Geschichten, die man sich erzählt, und die Art, wie man denkt und wie man feiert, also die Kultur. Immer und überall wurde und wird das kirchliche Leben auch seinerseits gestaltet, geprägt und gedeutet von der Kultur, die sonst so da ist. Man muss die Bibel übersetzen in die Sprache, in der in einer Region gelehrt, gequatscht, geflucht und gedichtet wird. Man muss Kirchen bauen mit dem Material, das eben da ist, Holz, Marmor oder Backstein. Und was als anständig galt, haben auch die frühen Christen aus der bürgerlichen Stadtgesellschaft der römisch und hellenistisch geprägten Mittelmeerwelt übernommen.

Das alles sind für den christlichen Glauben immer Einkleidungen und Nebensachen (dies gilt selbst für so epochale Kulturgüter wie Martin Luthers Bibelübersetzung). Wir fühlen uns auch als Christen in diesen gewohnten kulturellen Gegebenheiten wohl. Doch auch wenn wir damit einen Beitrag zu einer ja immer vorübergehenden Kultur leisten: Unser Glaube und unser kirchliches Leben ist nie dazu da, das Leben einer Gruppe, eines Volkes oder auch eines Kontinents im Unterschied zu anderen zu prägen und erkennbar zu machen. Diese Grenzen sollen wir gerade überschreiten und sollen verbinden. In diesem Sinn gehören wir weltweit immer zu Christus und nicht zu Deutschland oder einem anderen Land.

Das ist übrigens auch ein Grund, warum wir gut daran tun, gelegentlich einfach Gutes mitzumachen: z. B. den HSH-Nordbank-Run in der Hafencity für „Kinder helfen Kindern“. Man könnte ja fragen, ob wir da als Kirche auch ausreichend und im Unterschied zu anderen kenntlich seien. Das müssen wir gar nicht. Gutes ist gut, ob es aus dem Glauben heraus oder aus ganz anderen Gründen geschieht. Wir verlieren auch nichts, wenn wir dabei wie alle Welt Spaß haben. Kirche werden wir aus der Beziehung zu Christus und nicht durch irgendeine erkennbare Unterscheidung von anderen.

Die Kirche ist über die Jahrtausende zu Recht in ihrer Gestalt flexibel und beweglich, und deshalb auch nie dazu da, irgendeiner Kultur oder Nation die Identität zu stützen.

Ihr Pastor Dr. Kord Schoeler

Angedacht 01/2016 – Skandal vor Ostern

Skandal vor Ostern

In der Mitte unseres Glaubens liegt ein Anstoß. Anstößig ist das Kreuz Jesu, Folterwerkzeug und Galgen zugleich. Was soll es für einen Glauben, der das Leben bejaht, schützen, fördern und feiern will? Allemal bei der Vorstellung, Jesus sei „für uns“, „für unsere Sünden gestorben“, winken viele ab. Wer will so einen Gott? Der so etwas nötig hat? Und wer will es mit einem Opfer zu tun haben?

Schwierig! Anstößig! Zentrum des christlichen Glaubens!?

Das war schon immer so. Das Kreuz ist in der Mitte geblieben.

Wir laden Sie in dieser Zeit vor Ostern 2016, in der Passionszeit, ein, wieder hinzuschauen, in einer künstlerischen Aktion, von der ich später noch schreiben werde, und jetzt auf das Titelblatt. Tod und Folter scheinen weit weg zu sein, die Dornenkrone schmückt Jesus wie ein Blumenkranz, und er streckt seine Hände ruhig tastend nach dem Kreuz aus, als wolle er es begrüßen und erst einmal vorsichtig über dessen Oberfläche streichen. Seine Augen schauen groß, konzentriert, auch versonnen, hellwach und offen. Die Züge seines Gesichts sind gespannt und entspannt zugleich.

Hingegen der Soldat plagt sich ab mit der Last, die nicht die seine ist. Seine rechte Hand krümmt sich um das Holz, aber fest halten kann er es nicht, sein Kopf verklemmt im Winkel des Kreuzes, kämpft er mit geschlossenen Augen mit dem viel zu schweren Ding.

Ab Aschermittwoch (10. Februar) ist in der St. Andreas-Kirche eine Installation des Bildhauers Axel Richter zu sehen. Zwölf Baumstämme stehen im Altarraum an der Wand, groß, roh, frisch geschlagen, schweres Holz, das nicht so bleiben kann, im Raum einer hochverfeinerten gottesdienstlichen Kultur. Die Stämme weisen aber darauf hin, dass auch dieser Raum, St. Andreas, seine Schrunden und Verletzungen hat: Der äußerst grobe und ungleichmäßige Putz befestigt seit 1951 das beim Kriegsbrand 1943 schwer beschädigte Mauerwerk. Fenster sind blindgemauert, schwungvolle Gewölberippen ausgebrochen und gekappt. Das alles kann man sehen und doch sacht und liebevoll auf diese Kirche schauen, so wie Jesu auf sein Kreuz; und jetzt lehnen wir Holz in diesen Raum, das Material, das einmal, als sie 1907 geweiht wurde, diese Kirche ausgekleidet hat, und suchen, ob uns dieser andere Blick, diese Irritation nicht dazu verhelfen kann, uns und einander anders anzusehen.

Zwei Elemente aus der Gebärde Jesu finde ich wichtig: Er macht die Augen klar und weit auf, wo man eigentlich weggucken möchte; was man nicht mit ansehen kann, fasst er ins Auge.

Dann aber, gar nicht gleich fokussiert, packt er nicht zu, sondern tastet erst einmal, vorsichtig, bedacht.

Wenn die 12 Stämme in St. Andreas so etwas mit anstoßen würden in dieser Passionszeit, wäre es gut: erstens dass wir in ein weit offenes inneres Auge fassen, was anstößig ist in unserem Leben, womit wir uns selbst und einander das Leben schwer machen, Kleinlichkeit und Verschwendung, Bosheit und Unlust, Krieg und Niedergeschlagenheit. Das alles ist ja anstößig wie das Kreuz Jesu, es verzerrt unser Image und gefährdet unser Selbstbewusstsein, doch die Stärke des Glaubens ist es, davor nicht die Augen zu verschließen. Vielmehr, das wäre das Zweite, nehmen wir diese Anstößigkeiten behutsam in die Hand, bekennen uns auch zu ihnen, entschließen uns zur Auseinandersetzung und tun womöglich Buße, das heißt: wandeln uns: Unmöglich? War das Kreuz Jesu auch.

Herzlichst, Ihr Pastor Dr. Kord Schoeler

Angedacht 04/2015 – ... this little light of mine ...

… this little light of mine …

Plötzlich habe ich einen Gospel auf den Lippen

Aus dem Gemeindebrief 04/2015

Der November ist noch ungewöhnlich warm, aber die Dunkelheit nimmt sich schon mehr und mehr vom Tag. Die Schöpfung will in eine ruhigere Zeit gehen. Ich stelle Kerzen auf. Plötzlich habe ich einen Gospel auf den Lippen: „This little light of mine – I gonna let it shine…“ In Deutschland sind in den letzten Monaten mit einer guten Willkommenskultur eine Menge Lichter angegangen. Menschen haben mit angefasst, um zu helfen. Ich glaube, viele haben dabei das Gefühl gehabt, gut geben zu können, was gebraucht wird. So wie es eben normal ist: Wenn man ein Licht hat, scheint es auch. Unser Land so licht zu sehen, ist für mich eine große Freude. Vielleicht sehen manche Engel heutzutage ja aus, wie Menschen in reflektierenden Leuchtwesten. So wie z.B. die freiwilligen BeraterInnen am Hauptbahnhof.

In der Weihnachtsgeschichte sagt ein Engel: „Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkündige Euch große Freude!“ Meistens zündet man ein Licht an, weil es dunkel ist. Dunkelheit schürt Furcht. Das Flüchtlingsthema bringt uns schwere Geschichten und schwierige politische Themen. Erlebnisse der Menschen, die kommen, erinnern manche von uns an Geschichten von Krieg und Flucht, mit denen auch viele deutsche Familien zu tun gehabt haben. „Fürchtet Euch nicht!“, sagt der Engel in der Weihnachtsgeschichte, der auf das Licht hinweist. Die Krippe, in der Gott sich zeigt, war vermutlich zunächst kein heller Ort. Und weil man Gott erst mal finden muss, wenn er an so abgelegenen Orten unterwegs ist, gibt es eine Menge Lichthinweise: Sterne. Engel. Und plötzlich, erzählt die Weihnachtsgeschichte, jede Menge weitere Lichter. Eltern, Hirten und Weise lassen ihr Licht für das Gotteskind scheinen. Aus Jesus leuchtet das Gotteslicht der Liebe, macht die Welt hell.

Wenn ich am frühen Abend die St. Andreaskirche betrete, sieht man die Hand vor Augen nicht – außer am Gebetslichterbaum brennt eine Kerze. Eine einzige der kleinen Kerzen reicht, damit man sich im Dunkel orientieren kann. Ein kleines Licht und solche Wirkung! Es weckt immer wieder mein Erstaunen. In der Bergpredigt ganz am Anfang erinnert Jesus die Menschen an ihre Kraft zum lichten Tun. Man soll sein Licht leuchten lassen und nicht unter den Scheffel stellen. Als Kind habe ich das als Versuch nachgebaut: Ich habe ein durchsichtiges Gefäß über eine Kerze gestellt. Fasziniert habe ich dann zugesehen, dass der Flamme wirklich das Licht ausgeht. This little light of mine – I gonna let it shine: Unser Licht leuchten lassen. So, dass der Liebe nicht die Luft ausgeht. „Du sollst…“ heißt es in der Bergpredigt. Ja, denke ich, für mich ist es ein „must have…“: Ich möchte es in meinem Leben haben. Aber nicht im Sinne eines Befehls.

Es „licht“ zu haben, Licht zu entzünden, das kommt meinem Bedürfnis nach Wärme und gelingendem Leben und klarer Orientierung entgegen. Die Mystiker erinnern daran, dass wir Gott auch in uns wahrnehmen können. Licht, das in unserer Seele ist, ungeschaffen und unerschafflich, wie Meister Eckard sagt. Wir können es ansehen, betrachten. Gott in uns und in anderen wirken sehen, strahlen. „Verrückt nach Licht“ hat Dorothee Sölle mal ein Buch mit Gedichten und Gebeten überschrieben. Mein Licht scheinen lassen, denke ich: Das wird sicherlich auch Spaß machen – und ich denke, es wird warm und gemütlich werden.

Eine gesegente Advents und Weihnachtszeit!

Ihre Pastorin Frauke Niejahr

Angedacht 03/2015 – Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn ...

Angedacht 03/2015

„Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!“

(Ev. Gesangbuch, Lied 508, Text nach Mathias Claudias, vgl. Jakobus 1,17)

Aus dem Gemeindebrief 03/2015

Liebe Leserinnen und Leser,

in den kommenden Wochen beginnt der Herbst. Nach vielen anderen Früchten werden nun die Äpfel und Birnen reif, auf dem Feld reifen Mais, Korn und Kartoffeln. Die Zeit der Ernte beginnt. Es ist eine freudige Zeit, von einem Gefühl der Dankbarkeit geprägt. Gerade beim Wachsen und Gedeihen von Pflanzen und Früchten merken wir nämlich, dass Wachstum und Gedeihen nicht zuerst in unserer Hand liegen. Vielmehr bekommen wir etwas geschenkt und können merken, dass Gott für uns sorgt. Dafür zu danken liegt dann nah. – Gleichzeitig ist der Herbst aber auch eine Zeit des Abschieds. Der Sommer liegt hinter uns und wir müssen uns von der Wärme, dem Draußensitzen, den langen Abenden verabschieden. Herbststürme kommen auf, und auch der graue November ist ein Herbstmonat, der langsam den Abschied vom zu Ende gehen-den Jahr einläutet.

Dieses Jahr trifft es sich, dass auch für mich persönlich die nächsten Wochen von Abschied und Dank geprägt sind:

Gute neun Jahre war ich Pastor an der St. Andreas Kirche im Grindel. Vom ersten September an widme ich mich nun neuen Aufgaben.

Als ich im Sommer 2006 meine Stelle antrat, die zugleich meine erste Pfarrstelle war, arbeitete ich vertrauensvoll mit meinem damaligen Kollegen Heiko Jahn zusammen. Er und viele Mitglieder des Kirchengemeinderates und Mitarbeiter der Kirchengemeinde haben mir meinen Einstieg in den Beruf als Pastor erleichtert. Manches konnte ich mir „abschauen“, manche Tradition wurde mir lebendig erklärt, viele Fragen, die die Kirchengemeinde betrafen, haben wir in St. Andreas gemeinsam besprochen. Manches lag nicht in unserer Hand, sondern ein anderer trug spürbar zum Gelingen bei. Eine glückliche Fügung war, dass ich 2007 das Jubiläum zum 100jährigen Kirchweihfest mit vorbereiten und feiern konnte. Hier lernte ich viel über die Ge-schichte der Kirche und der St. Andreas Gemeinde.

Natürlich habe ich auch eigene Vorstellungen und Vorerfahrungen in meine Arbeit an St. Andreas eingebracht. Ein besonderes An-liegen und über lange Zeit ein Schwerpunkt meines Dienstes war die Arbeit mit Konfirmanden. Mir war es dabei einerseits wichtig, die jungen Menschen mit den guten Glaubensinhalten und -traditionen bekannt zu machen und mit ihnen gemeinsam andererseits den Glauben auch mit neuem Leben zu füllen, etwa bei gemeinsam mit den Jugendlichen vorbereiteten Gottesdiensten, bei der Mithilfe der Konfirmanden bei der Kinderbibelwoche oder beim gemeinsamen Leben bei Konfirmandenwochenenden.

Ein wichtiges Anliegen war mir die Öffentlichkeitsarbeit und da-mit die Öffnung der Gemeinde zum Stadtteil Grindelviertel. Hier konnte ich mit meinen Kollegen und anderen Mitstreitern gemeinsam etwas voranbringen. Ein Ergebnis war der neue Gemeindebrief, aber auch die bessere Ausschilderung unserer Gebäu-de, die Internetpräsenz www. standreas-hamburg.de und anderes mehr gehörte dazu.

Leider resultierten einige Veränderungen im Wochenprogramm der Gemeinde allerdings auch  daraus, dass die zweite Pfarrstelle zu meinem Dienstantritt auf eine halbe Stelle gekürzt worden war und entsprechend nicht alle Angebote fortgeführt werden konnten.

Wenn ich nun die Gemeinde verlasse, so hat es auch damit zu tun, dass ich eine volle Pastoren-stelle antreten möchte, die mir und meiner Frau ein Auskommen sichert. Hinzu kommt, dass ich meine Fähigkeiten und Kompetenzen, die ich gerade bei einer Langzeitfortbildung als Gemeindeberater und Organisationsentwickler erwerbe, gern an meinem Arbeitsplatz sinnvoll einbringen möchte. Die Pastorenstelle im Kirchenkreis Hamburg Ost für Vertretungsdienste und Organisationsentwicklung, die ich im September antrete, verspricht dafür ein guter Ort zu sein.

Der Abschied von St. Andreas fällt mir nicht leicht. In diesen Tagen spüre ich auch Abschiedsschmerz, denn ich habe anfangs Pastor Heiko Jahn, später meinen Kollegen Pastor Dr. Schoeler, die Mitarbeitenden und viele Ehrenamtliche als besonders engagiert und unterstützend erlebt. Viele wichtige Erfahrungen konnte ich in St. Andreas sammeln und wer-de zahlreiche praktische Ideen und Erkenntnisse aus St. Andreas mitnehmen. So danke ich allen für die vertrauensvolle, hilfreiche Zusammenarbeit, die meinen Horizont erweitert hat.

Trotz des Abschiedsschmerzes gehe ich zugleich auch sehr beruhigt, denn ich sehe, dass die Gemeinde personell und inhaltlich stark aufgestellt ist: In unseren Gottesdiensten wird die frohe Botschaft von Jesu Auferstehung und Gottes Barmherzigkeit verkündigt, in fast jedem Hauptgottes-dienst wird das Abendmahl als Stärkung des Vertrauens auf Gott gereicht. In vielerlei Hinsicht trägt die Kirchenmusik mit Orgelspiel, Kantorei, Gospelchor und Kinderchören zum Lob Gottes und zur Auferbauung der Gemeinde bei. Im Kindergarten, in Halas Spielgruppe, im Kindergottesdienst und bei Familiengottesdiensten, bei den Kinderbibeltagen, bei den Krippenspielen und in den wach-senden Kinderchören kommen schon die Kleinsten auf sehr gute Art und Weise in Kontakt mit dem christlichen Glauben. Für unsere Senioren bieten wir verlässlich regelmäßige Gruppen und reizvolle Ausfahrten an.

Und auch der äußere Rahmen, den die Gemeinde bietet, steht gut da: Fast alle Gebäude und viele einzelne Räume der Kirchen-gemeinde wurden in den letzten Jahren renoviert und saniert. Vieles geschah eher im Hintergrund, manches davon kann man aber auch sehen, wie unsere neuen Sitzmöbel, den Kerzenbaum für persönliche Gebetsanliegen und die neue Beleuchtung des Altarraums in der Kirche.

Bei allem Stabilen und Traditionellen, das ich an St. Andreas schätze, sehe ich die Aufbrüche in den letzten Jahren sehr positiv. Jeder Abschied bringt auch etwas Neues hervor. Von daher bin ich – dann aus einer beobachtenden Position – schon gespannt auf die weiteren Entwicklungen an St. Andreas, die die nächsten Jahre mit sich bringen werden.

Ihnen allen wünsche ich Gottvertrauen und Gottes Segen um das Stärkende und Begeisternde, das Besondere und Gute, das man in der St. Andreas Kirchengemeinde mit all ihren Einrichtungen und Angeboten erleben kann, zu be-wahren und miteinander mutig weiterzuentwickeln.

Pastor Rainer Aue

Angedacht 02/2015 – Johanni – ein besonderer Tag in der Mitte des Jahres

Johanni – ein besonderer Tag in der Mitte des Jahres

Aus dem Gemeindebrief 02/2015

Auf dem Land und bei den Alten ist er noch bekannter, in der Großstadt weniger, aber manchen doch geläufig: der Johannistag am 24. Juni. An der Sommersonnenwende begehen wir den Geburtstag Johannes des Täufers, von dem erzählt wird, er sei ein halbes Jahr älter als Jesus. Nun gut, Johannes der Täufer. Näher liegt uns das Jahreszeitlich-Natürliche: Der Sommer beginnt und wird prachtvoll, die Rosen blühen, die Beeren reifen – und draußen findet man ein grünes Kraut mit gelben Blüten und feinen Geheimnissen. Hermann Hesse erzählt davon:

Goldmund hat für die Klosterapotheke Johanniskraut gepflückt. „Er blieb auf den warmen Feldkieseln sitzen, hielt sich ganz still … roch am Johanniskraut und hielt dessen Blättchen gegen das Licht, um die hundert winzigen Nadelstiche in Ihnen zu betrachten. Wunderlich, dachte er, da hat jedes von den Tausend kleinen Blättchen diesen kleinwinzigen Sternhimmel in sich gestochen, fein wie eine Stickerei. Wunderlich und unbegreiflich war doch alles …“ (Hermann Hesse: Narziß und Goldmund. Erzählung, Suhrkamp Frankfurt a. M. 1971, 75). Das ist natürlich bloßeVorstellung. Zwar sieht Goldmund richtig, ein Johanniskrautblatt ist tatsächlich übersäht von Punkten, die das Licht durchlassen. Aber zum Sternenhimmel wird das Gefüge in einem Blatt nur in unseren Augen. Wir sehen im Kleinen das Große und wundern uns. Es ist eine unserer Stärken, dass wir, was uns umgibt, „wunderlich“ finden können. Dass wir Abstand nehmen können und staunen, bemerken und sagen: Das ist doch … Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Psalm 8,4+5.

Ist diese Fähigkeit, dass wir staunen und uns wundern können, zu etwas gut? Es liegt schon im Wort: Sich-Selber-Wundern. Der Blick auf das ganz Große lenkt sich zurück auf uns selbst: Was ist der Mensch …?

Das Staunen gewährt keinen praktischen oder nützlichen Blick auf die Welt. Aber es ist der Anfang aller Kunst und allen Geistes, dass wir uns so ablenken lassen auf die Bedeutung der Dinge und ihr Geheimnis für uns.

Was ist es bei Johannes? Als er unzählige Menschen am Jordan tauft und sie in ein neues Leben fordert, kommt ihm auch Jesus von Nazareth unter. Der ist damalsnoch völlig unbekannt. Aber Johannes sieht im Unscheinbaren den Bedeutenden: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich mich vor ihm bücke und die Riemen seiner Schuhe löse Markus 1,7. Und der da ist es, Jesus. Ich hätte es nötig, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?! Matthäus 3,14. Und ganz deutlich: Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen! Johannes, 3,30.

Weil er im Unscheinbaren den Größeren sieht, größer, als er selber ist, kann er sich selbst klein sehen. Das ist Johannes.

Klein sein ist nicht schlimm. Das können wir lernen, wenn wir uns wundern über die Größe im Kleinen. Und das ist uns doch so fremd! Wir leben damit, nur größer zu werden, uns zu verbessern, den Gewinn stets zu mehren, viel darzustellen und bloß nichts einzubüßen; im Ranking gut abzuschneiden, und uns dazu noch und noch zu optimieren. – Wer staunen und sich wundern kann, begibt sich unweigerlich in die Position des Kleineren, er entspannt in der Anschauung. Das ist die Gabe des Johannes, das ist die Botschaft von Johanni auf der Höhe des Jahres, wenn der Sommer beginnt und das Licht auch schon wieder abnimmt. Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen! Es ist gut so.

Pastor Dr. Kord Schoeler

Angedacht 01/2015 – Nehmt einander an

Nehmt einander an,

wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. (Römerbrief 15,7)

Aus dem Gemeindebrief 01/2015

Liebe Leserinnen und Leser,
 wie geht es Ihnen mit sich selbst? – Ich hoffe, gut! 
Haben Sie sich für das Jahr 2015 etwas vorgenommen, was Sie anders oder besser machen wollen? – Nach drei Monaten sind die Vorsätze der Silvesternacht vielleicht schon wieder vergessen, vielleicht arbeiten Sie aber auch noch hart daran, sich das Rauchen abzugewöhnen oder ein bestimmtes Gewicht zu erreichen. Selbst wenn Sie keine großen Vorsätze für dies Jahr gefasst haben: In fast jedem von uns steckt der Wunsch nach Verbesserung. Könnte ich nicht etwas sportlicher sein? Könnte ich nicht meine Wohnung noch schöner einrichten? Könnte ich nicht meine Zeit noch besser nutzen?

So wird manchmal das ganze Leben als Feld betrachtet, das man optimieren kann. Neben mir selbst kommen dann auch noch andere Menschen in den Blick, die mein Leben ausmachen: meine Partnerin, meine Freunde, meine Arbeitskollegen. Könnten die nicht auch noch „besser“ sein, – interessanter, attraktiver, hilfreicher? Spätestens hier merkt man, dass diese Gedanken in die Irre führen. Der christliche Leitsatz, die Jahreslosung für das Jahr 2015 aus dem Römerbrief sagt ganz klar:

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ – Dieser Satz erinnert mich an eine Kernbotschaft der biblischen Schöpfungsgeschichte: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1. Mose 1, 31) Nicht wir Menschen müssen uns vornehmen, alles gut und besser zu machen, sondern von Gott her ist ein guter Grund gelegt. Wir alle sind seine Kinder.

So können wir unsere Mitmenschen als wohl geratene Geschwister ansehen, sie annehmen, ohne ihnen gleich eine Liste mit Vorschlägen mitzugeben, was sie besser machen sollten. Auch wir selbst brauchen nicht ständig auf eventuelle eigene Defizite zu achten, sondern können vom ständigen Verbesserungsdruck befreit auch uns selbst annehmen wie wir sind.

Gott sagt uns zu, dass er uns als seine Kinder annimmt, wie wir sind. Er sieht auch unsere Schwächen und Fehler, aber das trennt uns nicht von ihm. Vielmehr nimmt Gott selbst sich in Jesus Christus unserer Schwachheit an und befreit uns zugleich davon. In der Passions- und Osterzeit spüren wir dem in unseren Andachten und Gottesdiensten in St. Andreas nach. Auch das Motto der evangelischen Fastenaktion „7 Wochen ohne“ passt gut zur Jahreslosung. Es lautet dieses Jahr „Du bist schön – 7 Wochen ohne Runtermachen.“ Weitere Informationen dazu finden Sie hier: www.7wochenohne.evangelisch.de, auch als App verfügbar.

Wenn ich also im menschlichen Miteinander nicht so sehr auf die Fehler des Gegenübers achte, sondern sie oder ihn als schönes Geschöpf Gottes annehme und schätze, dann folge ich dem Beispiel Jesu Christi und gebe damit Gott die Ehre. Schließlich bin ich überzeugt davon: Diese Annahme der anderen und meiner selbst wird Ihnen und mir gut tun.

Pastor Rainer Aue