Predigt zum Sonntag Estomihi

von Pastorin Anja Stadtland | St. Andreas Harvestehude 14.02.2021

Epistel und Evangelium

von H.-G. Hanl | Estomihi 2021

Predigttext zum Nachlesen

Predigt von Pastorin Anja Stadtland am Sonntag „Estomihi“ (14. Februar 2021) St. Andreas Harvestehude

Liebe Gemeinde!

Heute kommt einiges zusammen! Das Volk, das seit einem Jahr gefühlt im Finstern wandelt, soll sich auf die Zeit der Finsternis vorbereiten. Das Volk, das seit einem Jahr sich im Fasten übt, soll sich heute über das rechte Fasten Gedanken machen. Das Volk, in dem seit einem Jahr durch social distancing Krankheit und Sterben verhindert werden, hört heute: Ohne Nähe wird es nichts!

„Rufe laut! Halte nicht an dich! Erhebe Deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!“ So beginnt der Text bei Jesaja, der uns heute zu bedenken gegeben ist.

Am Mittwoch beginnt die Fastenzeit. Karneval und Fasching sind vorbei – Tage, an denen die Sau noch mal rausgelassen wird. Dann Aschermittwoch – Umschalten, 40 Tage bis Ostern. Wir machen uns bereit. Wir bereiten vor, innerlich und äußerlich, was wir für nötig halten, um den Weg mit Jesus mitgehen zu können. Das Kreuz auf uns zu nehmen – so weit es geht – so weit wir es mittragen können.

So ist es eigentlich. Doch: Wir haben keine Sau raus gelassen. Uns nicht geschminkt und verkleidet. Maskiert sind wir trotzdem. Und wir nehmen ein Kreuz auf uns – gefühlt schon seit einer Ewigkeit. Krankheit, Leid und Tod, Nöte und Sorgen, gefühlter Stillstand, Beziehungs- und Kontaktlosigkeit – die Liste der Entbehrungen ist ohne Ende. Ob es eine Perspektive gibt auf ein „Danach“? Wer weiß das schon. Viele haben mittlerweile ganz eigene persönliche Geschichten, tragen Schweres mit sich herum.

Jetzt die Fastenzeit! Auch das noch – denke ich! Worauf soll ich denn jetzt wohl noch verzichten. Auch im letzten Jahr war das doch schon so. Eine Erinnerung an den Beginn der Pandemie – da war das Nicht-Normale noch nicht normal. Ich fühlte mich geschüttelt und gefangen zwischen naiv-zuversichtlich und erschreckt-endzeitlich. Beim Einkaufen im Supermarkt ungefähr drei Wochen vor Ostern – also mitten in der Passionszeit – treffe ich eine mir gut bekannte Frau aus der Gemeinde. In ihrem Einkaufswagen liegt Schokolade – die beste Teuerste. Bei mir auch: „Ich schaff’s in diesem Jahr nicht!“ Entschuldigend sieht sie mich an. „Ich brauche die Schokolade. Mir fehlt sonst schon so viel.“ „Mir auch!“ Wir entlasten uns gegenseitig. Ist Ok! Am liebsten würden wir uns einmal drücken, die Schokolade teilen, dazu einen Kaffee – das wäre schön. Wir verzichten. Jede geht ihrer Wege, mit Maske, mit der Freude auf das Stückchen Schokolade. Ein Glücksmoment des Tages! Mitten in der Fastenzeit.

Verboten? Hier kommt der Predigttext mit seiner Antwort: Er steht bei Jesaja im 58. Kapitel: Gott spricht zu Jesaja: 1 Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. 3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat? 6 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Dieser Text gibt grünes Licht. Zumindest für meine Schokolade. Und die meiner Bekannten. Und für Dein Glas Rotwein, für den Fernsehfilm, für all das, ohne das wir sonst meinen mal „Sieben Wochen“ auskommen zu wollen.

Dieser Text lässt keinen Zweifel daran, was Fasten ist: Fasten ist nicht das, wodurch ich vor Gott gut dastehe und damit ich vor Gott gut dastehe. Also um meiner Selbst willen. Und um Gott milde zu stimmen. Fasten ist, mit den Menschen und mit der Welt, in der ich lebe, auf dem Weg Gottes unterwegs zu sein.

Fasten ist nicht: Ich erfülle Regeln um der Regeln Willen. Mit dem Ergebnis, mich und meinen Geist und mein Tun zu begrenzen. „Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe?“ spricht Gott. Nein, Fasten ist: Ich öffne meinen Geist und mein Tun für Gottes Tun durch mich. „Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, gib frei, hör auf zu unterdrücken, teile, gib Obdach, kleide!“ Gott macht es konkret. Es geht nicht um ihn. Es geht nicht um Dich! Suche nicht Dich, suche Deinen Mitmenschen und zeige Dich als Mitmensch! Und dann wird dein Licht hervorbrechen! Das ist das Licht, auf das wir zugehen, das ist das Kreuz, das wir tragen: konsequente Menschlichkeit. Dort begegnest Du Gott, der sich zu erkennen gibt: Hier bin ich!

„Rufe getrost! Erhebe deine Stimme wie ein Posaune!“ Damit wir aufwachen, den Weg finden: Sieben Wochen ohne das falsch verstandene Fasten.

„Wachet auf, ruft uns die Stimme!“ So beginnt das Lied 147 im Gesangbuch – Abteilung ‚Ende des Kirchenjahres‘, bevor die Zeit des Advents beginnt. Auch eine Fastenzeit – eigentlich, das gerät oft aus dem Blick, geht unter zwischen Kekse Backen und Geschenken. Macht Euch bereit! In der Zeit des Advents suchen wir den Weg zur Krippe. Ein freudiges Ereignis erwarten wir am Ziel und doch ist es kein „Selbstgänger“, kein Spaziergang. Macht Euch bereit! Das Ziel ist die Gottesbegegnung. Gott sagt: Hier bin ich! Hier in der Krippe. Sieh mich an! Erkennst Du mich? Im menschlichen Gesicht? Im Säugling, dem, der angewiesen ist? Bist Du bereit für Gottes Menschlichkeit? Advent und Passion – Krippe und Kreuz! Zwei Wege und das gleiche Ziel: die Begegnung mit Gott als Mensch. Bist Du bereit für das Himmelreich? Jenes, das, wie Jesus selbst beschreibt, dort ist, wo ihr dem Hungrigen zu essen, wo ihr dem Durstigen zu trinken gebt; dort wo ihr den Nackten kleidet, die Kranke besucht, die Gefangene befreit, den Fremden aufnehmt. Weil in jedem von diesen Jesus selbst gemeint ist.

Sieben Wochen Licht ins Dunkel bringen! Mit Verzicht und Selbstkasteiung hat das nichts zu tun: Mache Dich auf, werde Licht, denn Dein Licht kommt! Wir werden Ostern feiern, die Auferstehung! Sie kommt nicht von selbst. Ostern geht nicht ohne sieben Wochen mit: Mit unserer Bereitschaft, uns rufen zu lassen! Wachet auf, ruft uns die Stimme! Amen.

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